Die chinesische Truhe
Einmal holte ich sie für einen unserer gemeinsamen Ballbesuche von zu Hause ab. Da stand im Wohnzimmer eine große Truhe. Hübsche Schnitzereien und die Farbgebung machten deutlich, die Truhe kommt aus Asien. Da ich zu den neugierigen und kunst- und kulturinteressierten Menschen gehöre, wollte ich mehr über die Truhe wissen und natürlich auch über deren Inhalt. Dazu holte ich mir die Erlaubnis ein, den Deckel der chinesischen Truhe zu öffnen. Die Scharnieren knarrten.
Zuoberst fand sich zwei alte Fotos. Eines dürfte ein Art Passfoto gewesen sein. Der Kopf etwas schief schauend zeigt einen würdevollen Mann mit nach hinten gekämmten Haar und Krawatte. Auf dem zweiten Foto, einem Farbfoto sind vier Köpfe zu sehen. Ganz rechts eine Frau mit schwarzer Lockenpracht. Meine Tanzpartnerin erklärte mir, wer auf den Fotos dargestellt ist: Onkel Fritz, eigentlich Friedrich, auf dem Passfoto und seine geliebte Ehefrau Fani, eigentlich Franziska, rechts auf dem Farbfoto. Sie war ein bisschen älter, bereits 1895 geboren. Er erblickte das Licht der Welt drei Jahre später. Wie viele aus seiner Familie war er im Textilhandel tätig. Als die Monarchie zusammenbrach, war er 23 Jahre alt. Das Leben in Wien änderte sich. Aus der Hauptstadt einer der mächtigsten Staaten der Welt wurde die Hauptstadt eines kleinen Landes an dessen Zukunft wenige glaubten und dem jegliche Unterstützung von außen fehlte. Die Weltwirtschaftskrise mit tausenden von Arbeitssuchenden trug weiter zum Pessimismus der Menschen bei. Und dann kam der Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich. Von vielen bejubelt, geblendet vom erfolgreichen Marketing. Eine Nachrichten-Pluralität und ein Internet gab es nicht. Nur einen öffentlichen, staatlichen Nachrichtensender. Aber für viele Menschen, so auch die Josephs, wurde nach Verhaftungen von Freunden, Zerstörungen von Geschäften und Verwüstung von Synagogen rasch klar, dass sie aus dem, zur deutschen Provinz namens Ostmark degradierten, Österreich so schnell wie möglich hinaus mussten. Die Heimat so rasch wie möglich zu verlassen war die einzige Chance zu überleben. Der US-Präsident F. D. Roosevelt hatte im Juli 1938 in Évian-les-Bains in Frankreich eine Konferenz einberufen, um die Auswanderung der Juden aus Deutschland und Österreich zu organisieren. Die Regierungen der 32 teilnehmenden Staaten wussten, dass die Juden in ihrer Heimat rechtlos waren und schon Tausende in den Tod getrieben oder getötet worden waren. Leider war die Konferenz kein Erfolg. Es schien, als ob es zwei Arten von Staaten gab: welche in denen Juden nicht leben durften und solche, in die Juden nicht einreisen durften. Zwei Ausnahmen gab es: die Komoren und Shanghai.
Der chinesische Generalkonsul in Wien, Ho Feng Shan, erteilte die Visa für die Einreise der Juden in China. So machten sich Fritz und Fani auf die mühevolle Reise nach Shanghai. Die Koffer waren rasch gepackt. Ständig unter Angst ging es in die Hafenstadt Triest. Die Reiseroute ging durch die Adria nach Ägypten, den Suez-Kanal passierend nach Mumbai in Indien, weiter über Colombo, der de facto Hauptstadt von Sri Lanka, nach Singapur, dann nach Hongkong, um schließlich in Shanghai zu landen. Ob Fritz und Fani auf den Schiffen Conte Rosso oder Conte Verde fuhren, müssten Historiker feststellen. Die jüdischen Bürger zahlten jeden Betrag, um außer Landes zu kommen und ein Ticket auf den Passagierschiffen zu erhalten.
Shanghai war seit dem Opiumkrieg 1842 eine geteilte Stadt. Chinesische, japanische, britische, französische und US Soldaten patrouillierten in der Stadt. Zwei jüdische Gemeinden hatten sich im Laufe der Zeit gebildet, die so genannten - Bagdad-Juden, das heißt ehemals jüdische Kaufleute aus dem Irak, und - die russische Juden, die nach der Oktoberrevolution 1918 nach Shanghai geflohen waren.
Einige Bagdad-Juden brachten es im Immobiliengeschäft, im Bau- und Transportwesen zu großem Reichtum. So konnte die Familie Sassoon 1901 die Ohel-Leo-Synagoge in Hongkong stiften. Der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch schrieb 1933 über die Bagdad-Juden („China geheim“). Mit anderen jüdischen Flüchtlingen kamen Fritz und Fani nach drei bis vier Wochen in Shanghai an. Für diese Juden war die Stadt nur eine Durchgangsstation. Die von Wien aus operierende niederländische Organisation Gildemeester half vielen von ihnen weiter nach Palästina oder die USA zu kommen. An die 5000 jüdische Flüchtlinge dürften zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in Shanghai angekommen sein. Sie verdienten sich ein bisschen Geld als Lehrer und Kleinhändler oder lebten von der Unterstützung durch die „Joint Distribution Committee“ (JDC) und der örtlichen jüdischen Gemeinschaften. Je nach Herkunftsland lebten die Juden in Häuserblöcken mit Bezeichnungen wie „Klein-Wien“. Nach dem Angriff der Japaner auf China im Dezember 1941 wurde ein Ghetto in Shanghai angelegt, in welchem an die 20.000 Juden auf das Ende des Krieges hofften. Die Japaner behandelten die Juden soweit fair, d.h. es gab keine mörderischen Aktivitäten, obwohl sie mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet waren. Im Ghetto herrschte akuter Platzmangel – 10 Menschen pro Raum - und das Essen wurde immer karger. Wie es Fritz und Fani zu dieser Zeit ging und wovon sie lebten, weiß ich nicht. Im September 1945 befreiten die US-Streitkräfte das Ghetto von Shanghai. Damals wurden 4298 österreichische Juden gezählt. Im Jahr 1948, als im Große Musikvereinssaal die Wiener Symphoniker zum ersten Mal nach dem Krieg wieder ein festliches Johann Strauss-Konzert gaben, kehrten Fritz und Fani zurück nach Österreich, in ein zerbombtes Land mit abgebranntem Stephansdom. In der Porzellangasse im 9. Bezirk konnten sie eine Wohnung finden. Fritz fand bald wieder einen Job im Textilhandel. Er arbeitete bei der „Erlaaer Wollwarenfabrik“.
Fritz starb 1976. Seine Fani folgte ihm erst viele Jahre später, 1987, nach. Meine Tanzpartnerin besuchte ihre Tante gerne. Sie beschrieb sie als interessante, niveauvolle Dame, die für einen gemütlichen Plausch vorzugsweise im Kaffeehaus immer zu haben war. Und sie half ihr beim Englisch-Lernen für die Schule. Das Begräbnis am neuen jüdischen Friedhof (Wiener Zentralfriedhof) leitete der langjährige Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg.
Das steinerne Grab findet sich gleich hinter der Aufbahrungshalle auf Reihe „7A-6-20“.
Meine Tanzpartnerin erbte von Fritz und Fani die chinesische Truhe. Und mit ihr auch drei wunderschöne traditionelle chinesische Seidenkleider, einen Kinder-, einen Damen- und einen Herren-Kimono mit den dazugehörigen typischen steifen Bindegürteln.
Diese, sie werden Obi genannt, erfüllen die Funktion eines Mieders und zwingen die Träger zu aufrechter Haltung. Da meine Tanzpartnerin selbst groß ist, verwendete sie das große Seidenkleid gerne als Kostüm in der Faschingszeit.
In der Truhe lagen auch drei Bilder. Sie zeigen eine Frau mit Kind, einen Essensverkäufer und einen Friseur. Sie dürften kolorierte Drucke sein. „Paul Fischer, Shanghai 1947“ steht in Blockbuchstaben jeweils rechts unter den Bildern.
So jetzt schließe ich die Truhe wieder. Knarrend fällt der Deckel hinunter. Es ist Zeit zu unserem Tanzkurs zu fahren.
B. Engelbrecht, 2018