Heiligenstatuen von einem Gar-nicht-Heiligen –In den 1980er-Jahren wurde die Umfahrung von Langenlois im Osten und Süden durch fruchtbares Acker- und Weideland bzw. Weingärten gebaut. Seither ist es sehr ruhig geworden am Kornplatz. Rund um ihn stehen Häuser, welche die Geschichte der Stadt widerspiegeln in einem wunderschönen Ensemble. Die meisten Häuser stammen aus dem 16. Jahrhundert und haben zwei- oder drei Geschosse. Auffallend ist das Ursinhaus mit seinem geschweiften Giebel oder das Sgraffitohaus von 1561. Etwas älter und daher noch im spätgotischen Stil geschaffen wurde die ehemalige Bürgerspitalskirche hl. Elisabeth, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Aufbahrungshalle genutzt wurde. Von hier wurden die Särge mit Blasmusik zum Friedhof geführt. Ein eigener Wagen transportierte die Kränze mit ihren bedruckten Schleifen.
An der Südseite des Platzes Richtung Krems und Wien führt die um 1950 erbaute Fürnkranzbrücke über den Loisbach. Diese wurde seitlich mit Statuen der Evangelisten Markus (SO), Matthäus (NW), Johannes (NO) und Lukas (SW) behübscht. (Abbildungen der Statuen finden sich auf Marterl.at) Die Statuen sind sehr ansprechend, neobarock-mäßig gemeißelt. Der Bildhauer Friedrich Fahrwickl, wohnhaft in Langenlois, zeigte damit sein großes Können. Dieser akademische Bildhauer, der die schönen Heiligenstatuen schuf, war das Gegenteil davon. Das belegt der umfangreiche Akt „Vg Vr 4672/45“ im Wiener Stadt- und Landesarchiv.
In der Zeitung „Das kleine Blatt“ vom 4. November 1938 (heute in der Nationalbibliothek zum Lesen) wird unter dem Titel „Ein Mann setzt sich durch“ Friedrich Fahrwickl mit Bild und Text vorgestellt. Am 11. Juli 1896 wurde er in Wien als Sohn eines Maurermeisters geboren. Es heißt, seine künstlerische Begabung zeigte sich schon in der Schulzeit. Sein Vater starb früh. Die Mutter schickte ihn zu einem Installateur in Lehre. Sein Meister war ein jüdischer Unternehmer, der mit seinen Leistungen nicht zufrieden war. Dies dürfte seinen Antisemitismus gefördert haben. 1914 musste er einrücken. Bei Krasnik wurde er durch einen Kopfschuss schwer verwundet. Schließlich wurde er nach Albanien geschickte, wo er an Malaria erkrankte. Die Zwischenkriegszeit verdingte er sich mit Gelegenheitsarbeiten. Malariaanfälle sollen bewirkt haben, dass er als sehr unzuverlässig galt. Er arbeitete u.a. in einer Gießerei und als Schankgehilfe. Daneben zeichnete er Bauern für ein warmes Essen.
Sein Leben änderte sich, als er den Rittmeister Zimara kennenlernte. Dieser warb ihn 1932 für die nationalsozialistische Bewegung an (NSDAP Mitgliedsnummer 1.205.756). Er übernahm gleich die Funktion eines Blockwartes. Zimara besorgte ihm Ton. So konnte Fahrwickl nach Fotos den Schädel eines „Australnegers“ anfertigen. Dieser Kopf dürfte so gelungen sein, dass er beim Naturhistorischen Museum einen Job bekam. Nach Verbot des Nationalsozialismus wegen dessen Terroranschläge im Jahr 1933 fertigte Fahrwickl als illegaler Nationalsozialist Führerplaketten an, welche reißenden Absatz gefunden haben sollen. Zweimal wurde er verhaftet und einmal für 28 Tage eingesperrt. In seinem Bezirk verteilte er Werbematerial für die Nationalsozialisten und kassierte Mitgliedsbeiträge ein.
Nach dem Einmarsch der Deutschen Truppen 1938 in Österreich, erhöhte sich Fahrwickls Gehalt um das 2.5-fache. Die jüdischen Kollegen in der Museumswerkstatt verloren ihre Arbeit. In seinem Job im Naturhistorischen Museum fertigte er Schädel vom Neandertaler, Langobarden, Zwergmenschen usw. an. Obwohl er den deutschen Reichskanzler nur von Bildern kannte, schuf Fahrwickl eine „Führerbüste“, die er sogar nach Deutschland verkaufen konnte. Zwischen 1938 (Sommersemester) und 1942 (Wintersemester) studierte er daneben an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Als Ortsgruppenpropagandaleiter war er im 9. Bezirk tätig. Fahrwickl heiratete 1939 in Uniform eines politischen Leiters. Seine Frau gebar ihm 1941 eine Tochter.
Was er sonst noch in dieser Zeit anstellte, das wurde nach dem Krieg ausführlich untersucht. In Österreich wurden nur wenige Menschen für ihre Taten in der NS-Zeit zur Rechenschaft gezogen, nur rund 2.000 wurden vor das Landes/Volksgericht gestellt. Zu diesen wenigen gehörte Friedrich Fahrwickl. Anfangs versuchte er in der Propaganda-Abteilung der KPÖ untertauchen zu können. Doch er wurde am 10. Oktober 1945 verhaftet.
Seine Untersuchungshaft verbrachte er ab 12. Juli 1946 in der Männerstrafanstalt Stein. Es wurden zahlreiche Zeugen vernommen. Er selbst rechtfertigte sich damit, wegen seiner Kriegsverletzung einiges vergessen zu haben (verminderte geistige Zurechnungsfähigkeit) und leugnete das meiste. Vertreten wurde er vom Rechtsanwalt Dr. J. Kotzaurok. Am 17. Juni 1947 erfolgte schließlich die Hauptverhandlung unter dem Vorsitzenden Dr. Huber und Dr. Zaunegger als Richter, die mit seiner Verurteilung zu 20 Monaten Kerker endete. Doch das Gericht rechnete ihm die lange Untersuchungshaft an und so konnte er den Gerichtssaal frei verlassen.
Folgende Punkte (gekürzt und vereinfacht) führten zur Verurteilung von Fahrwickl, der von 1930 bis 1943 in der Seegasse 23 im 9. Wiener Gemeindebezirk wohnte:
- Er schlug Professor Emil Bellak, Lehrer an der Wiener Handelsakademie, im Hause mit Faustschlägen blutig und stieß ihn bei der Haustür hinaus, als dieser mit einer befreundeten Jüdin (sie trug einen Judenstern) die Treppe hinunterging. Dabei ging die Brille des Prof. Bellak zu Bruch. (Aus Angst vor Rache und Brutalität gegenüber anderen Hausbewohnern erstattete Prof. Bellak keine Anzeige)
- Im Luftschutzkeller misshandelte er den jüdische Mitbewohner Halpern (Dieser wurde bald danach nach Polen verschleppt).
- Vor dem Geschäft des Fleischhauers Thomas in der Seegasse soll er jüdische Passanten misshandelt haben (nach Zeugenaussagen versetzte er jüdischen Mitbürgern mit Stiefeln Fußtritte und stieß sie von den Gehsteigen herunter), dies konnte ihm aber nicht mehr nachgewiesen werden.
- Er erhielt eine „Judenwohnung“, zog von Stiege 2 Tür 17 auf Stiege 1 Tür 9 um. Die darin befindlichen Einrichtungsgegenstände und persönliche Habe der jüdischen Vormieterin Rachel Nebenzahl brachte er an sich (Nach Zeugenaussagen warf er jüdische Gebetsbücher aus dem Fenster). Rachel Nebenzahl wurde ebenfalls nach Polen verschleppt.
(Anmerkung: Rachel Nebenzahl wurde im Vernichtungslager Belzec oder Solibor im damals besetzten Polen ermordet. Debora und Leo Halpern wurden 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez unweit von Minsk im heutigen Belarus getötet.)
Während der Untersuchungshaft ließ sich seine 21 Jahre jüngere Frau von ihm scheiden. Die angefallenen Gerichtgebühren blieb Fahrwickl schuldig und damit auch die Kosten für die psychiatrische Untersuchung des Kremser Amtsarztes Dr. Passeyrer. In der Amnestie vom 18. April 1957 wurden ihm die Schulden erlassen. Bereits am 23. 6. 1947, d.h. sechs Tage nach der Urteilsverkündung, ließ sich Fahrwickl taufen, steht in den Pfarrmatrikeln vom 9. Bezirk(Rossau). 1952 heiratete er ein zweites Mal (meldet das Standesamt Penzing).
Fahrwickl zog nach seiner Freilassung nach Langenlois, wobei die Gemeinde über seine Vergangenheit informiert wurde, aber sonst niemand etwas von seinen früheren Taten ahnte. In Langenlois fiel er nicht weiter auf. Durch das Zimmern und Malen eines Bühnenbildes für die Schule erfuhr er Anerkennung.
Seine erfolgreichste Zeit als Bildhauer hatte Fahrwickl zwischen 1950 und 1970. Zu seinen Werken gehören auch:
- Sandsteinstatue des hl. Christophorus als Brückenheiliger, 1951 auf der Brücke über den Laabenbach in Sankt Christophen bei Neulengbach aufgestellt. - Hubertusrelief im früheren, gotischen Kircheneingang (Hochzeitstor) in Feuersbrunn am Wagram bei Grafenwörth, Sandsteinarbeit von 1972. - Urban-Statue auf Brümlstung der Brücke über den Loisbach in Langenlois zwischen Holzplatz und Kallbrunnergasse, 1950er-Jahre. - Christophorus-Statue in Langenlois in der Loiskandlzeile in einer gekappten Außenecke zweier Gartenmauern, 1950er-Jahre. - Elisabeth-Statue vor ehem. Bürgerspitalskirche hl. Elisabeth am Kornplatz von Langenlois, 1951, gestiftet von Bürgermeister Ing. A. Kargl. - Statue heiliger Johannes Nepomuk auf der Brüstung der Loisbachbrücke in Langenlois, 1950er-Jahre. - Weinbeergoaß, Ostseite des Ursin Hauses (Kamptalstraße 3), um 1960.
1980 starb Friedrich Fahrwickl. Eine Büste von ihm wurde in einer Nische der Elisabethkirche aufgestellt.
Schlusswort: Nur Richter dürfen nach sorgfältiger Prüfung Urteile fällen. Dick ist der Gerichtsakt zu Friedrich Fahrwickl. Trotzdem kommt dem Autor die Strafe sehr gering vor. Fahrwickl half die NSDAP-Bewegung in Österreich aufzubauen, trotz Verbotes. Er stützte die Bewegung und warb für sie. Und er lebte einen brutalen Antisemitismus, sodass sich jeder in seiner Umgebung fürchtete. – Sind es nicht diese Menschen, auf welche Regime ihre Macht aufbauen? Es gibt sie in jeder Diktatur, wie z.B. heute in Russland und im Iran. Wer anderer Meinung ist, stirbt, wird erschossen. Es heißt immer aufmerksam zu sein, dass Menschenrechte und Menschenwürde nicht wieder mit den Füßen getreten werden.
B. Engelbrecht, 2. August 2026
Abbildungen:
Foto Kornplatz in Langenlois vom Autor
SW-Abbildung aus „Das kleine Blatt, Wien, Freitag 4. 11. 1938, Seite 8“
Foto Haus Seegasse 23 in 1090 Wien vom Autor